Die fünfte Nacht

In meiner nächsten Nachtschicht erscheine ich wieder pünktlich im Café. Mary begrüßt mich und wirkt zufrieden. Wahrscheinlich ist sie froh, direkt nach Hause zu können. Ich hingegen fange gerade erst an, zu arbeiten.

Diesmal ist das Café leer und ich bin erleichtert. Der blasse Mann ist nicht da und ich kann mich in Ruhe auf die bevorstehende Schicht vorbereiten. Ich will mich voll und ganz der Arbeit widmen, immerhin werde ich dafür bezahlt und kann dadurch mein Studium fortsetzen.

Als das Türglöckchen eine halbe Stunde später erklingt, erstarre ich. Ist es der Mann mit dem Strohhut? Es ist eigentlich noch nicht seine Zeit.
Er ist es nicht. Stattdessen betritt der Mann mit dem Filzhut das Café. Er kommt direkt zu mir und ich bin mir nicht sicher, wie ich mich verhalten soll.
„Hallo“, begrüßt er mich. Irre ich mich oder wirkt er noch viel blasser als an den Tagen zuvor?
„Hallo“, erwidere ich. Sollte ich ihn darauf ansprechen? Vielleicht ist er ja wirklich krank… Vielleicht ist es ihm auch noch gar nicht aufgefallen!

~

Er knallt ein Buch auf den Tresen.
„Was ist das?“, frage ich, weil ich keinen Titel im Einband sehe. Das Buch wirkt schon sehr alt, beinahe antiquarisch.
„Was hältst du von Piraten?“, stellt er mir eine Gegenfrage.
Ich schaue ihn lange an. Was soll diese Frage?
„Interessant, aber in den Medien viel zu übertrieben dargestellt“, antworte ich. Mich wundert, dass er noch keinen Kaffee bestellt hat.
„Aha“, kommt es von ihm. Wenig hilfreich.
„Also nochmal“, sage ich und deute auf das Buch. „Was ist das?“
„Ein Buch“
„Danke für die Erklärung.“
Ich seufze und schlage die erste Seite auf. Immerhin ist es kein leeres Buch. Buchstaben einer verschnörkelten Schriftart sind auf bräunliches Papier gedruckt. Es ist diese Art von Schrift, die zwar sehr hübsch aussieht, aber furchtbar schwierig zu lesen ist.

„Bekomm‘ ich einen Kaffee?“, fragt er, bevor ich den ersten Satz lesen konnte. Warum macht er mich so neugierig und unterbricht mich dann einfach beim Lesen?
„Klar“, sage ich, drehe mich um und bediene die Kaffeemaschine. Der Kaffee wird lautstark gemahlen und dann fließt das dunkle Gold in die Tasse.

„Bittesehr“, sage ich, stelle ihm die Tasse hin und widme mich wieder dem Buch. Ich möchte ihn nicht zu lange anschauen.
Trotzdem kann ich mich nicht auf das Buch konzentrieren, sondern schiele immer wieder zu ihm herüber und hoffe, dass er es nicht mitbekommt.
„Na schön“, sagt er, nimmt die Tasse und setzt sich. Entgegen meiner Erwartungen setzt er sich nicht an den Tisch hinter den Holzpaletten, sondern in direkter Nähe zu meinem Tresen.
Überrascht schaue ich ihn an. Das hat er mitbekommen, denn er grinst.
„Na los, lies schon“, fordert er mich auf. Ich werfe ihm einen vernichtenden Blick zu, aber er lacht nur.
Seufzend wende ich mich wieder dem Buch zu. Was für ein Arsch!

~

Erst, als ein Gast eintritt und sich laut räuspert, schrecke ich auf. Mist! Habe ich mir nicht vorhin erst vorgenommen, mich auf meine Arbeit zu konzentrieren?
Er bestellt einen Latte Macchiato. Ich erfülle ihm diesen Wunsch und er setzt sich irgendwo ins Café.
Ich lese weiter in dem Buch, weil es wirklich spannend ist. Jetzt verstehe ich auch die Frage des Mannes, denn die Geschichte handelt von Piraten.

„Und?“, höre ich den Mann auf einmal fragen. Ich lege meinen Finger auf die Stelle, bei der ich mit dem Lesen aufgehört habe.
„Was?“, frage ich ungeduldig. Gerade war es spannend!
„Wie findest Du es?“
„Gut. Spannend. Wer hat das geschrieben?“
Der Mann grinst.
„Das war ich.“
Ich starre ihn fassungslos an. Das kann nicht sein!
„Wirklich?“, frage ich. Eine Gänsehaut überzieht meinen Körper.
„Wirklich“, erwidert er. „Beruht auf einer wahren Begebenheit.“
Ich beginne zu lachen.
„Guter Witz! Dann ist die Geschichte doch nicht von Dir?“
„Doch, natürlich.“
„Ich sehe weder Titel noch Name des Autors“, werfe ich ein.
„Und? Ich wollte das Buch nicht verkaufen. Es gibt nur dieses eine“, erklärt er.
„Hm“, mache ich, weil mir keine Antwort einfällt. Ich glaube ihm nicht. Trotzdem handelt es sich bisher um eine ziemlich gute Geschichte.

~

Ich bediene ein paar meiner Stammgäste, die nach und nach eintrudeln.
Das Buch lässt mich nicht los. Immer, wenn das Glöckchen an der Tür erklingt, hebe ich den Kopf und widme mich kurz meinen Gästen, aber im Großen und Ganzen lese ich die Abenteuer eines namenlosen Piraten aus der Ich-Perspektive. Das Buch hat spannende und auch emotionale Stellen, die mir durch Mark und Bein gehen.
Als die Hauptperson gerade seine Freunde und sein Kind in einer Seeschlacht verliert, kämpfe ich mit den Tränen. Ihm bleiben nur noch drei seiner Geschwister, die mit ihm Rache nehmen wollen.

„Das reicht für heute“, bemerkt der Mann, der sich unbemerkt vor mich gestellt hat. Ich zucke zusammen, weil ich so in die Geschichte vertieft war.
„Was?“, frage ich.
Der Mann deutet auf die Uhr, die hinter mir hängt.
„Du hast gleich Feierabend und ich muss auch los. Wenn ich also bitten darf“, sagt er und streckt seine Hände nach dem Buch aus.
Ich seufze.
„Na schön“, sage ich und bin innerlich total schockiert über die Tatsache, dass die Nacht schon vorüber ist. Das Buch hat mich gefesselt und ich habe gar nicht mitbekommen, wie schnell die Zeit verstrichen ist.

„Wir sehen uns wieder und dann darfst du vielleicht weiterlesen.“
Er zwinkert mir zu, legt mir fünf Münzen auf den Tresen und verlässt das Café. Als ich mich umschaue, bemerke ich, dass die anderen Gäste auch schon gegangen sind. Mich wundert, dass ich das Glöckchen an der Tür später gar nicht mehr wahrgenommen habe. Hoffentlich habe ich keinen meiner Gäste ignoriert, weil ich so gespannt gelesen habe…

Anna kommt, um mich abzulösen. Sie ist wie immer pünktlich. Ich wünsche ihr eine angenehme Schicht, schnappe mir meine Tasche und verlasse das Café.

Zuhause träume ich von der Piraten-Geschichte.

Kategorien: Geschichten

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