Die vierte Nacht

Ich bin zu spät.
Zehn Minuten nach Beginn meiner Schicht betrete ich das Café. Mary schaut mich mit großen Augen an. Ich war noch nie zu spät.

„Was war los?“, fragt sie. Ich zucke mit den Schultern. Keine Ahnung, was los war. Irgendwie hatte ich keine Lust.
„Tut mir leid“, sage ich und laufe direkt hinter den Tresen. Mary schaut mich an. „Dann kannst Du unseren Gast ja bedienen“, sagt sie und begibt sich zur Tür. „Wünsche Dir eine angenehme Schicht!“
Damit verlässt sie das Café.

Ich schaue mich um. Wir haben einen Gast im Café? Es ist doch noch viel zu früh für die Stammgäste. Außerdem kommt der Cowboy heute gar nicht. Von den Stammgästen ist er immer der Frühste.
Sie muss mich verarscht haben, denn ich sehe keinen Gast. „So ein Blödsinn“, fluche ich und äffe sie mit extrem hoher Stimme nach: „Dann kannst Du unseren Gast ja bedienen.“
„Interessante Stimmfarbe“
Ich blicke mich um. Wo kommt diese Stimme her? Ich war noch nie gut darin, die Richtung von Geräuschen zu erkennen.
„Äh. Hallo?“, frage ich also.
„Nein, ich bin kein Gespenst, keine Angst.“
Ich habe eine Ahnung, wo die Stimme herkommt. Vorsichtig werfe ich einen Blick hinter die Holzpaletten. Da sitzt tatsächlich der blasse Mann mit dem Filzhut!

~

„Hast Du mal überlegt, zu singen?“, fragt er und grinst. „Oh, oder Filme einsprechen? Habe gehört, dass das ganz lukrativ ist.“
Ich schaue ihn an und schüttle den Kopf. „Äh, nein, hab ich nicht.“
Er lacht. Ist das seine Antwort? Warum ist er auf einmal wieder da?
„Hast Du mich vermisst?“, fragt er, als hätte er meine Gedanken gelesen. Niemand kann Gedanken lesen. Das war Zufall!
Trotzdem werde ich rot. So ein Mist! Ich spüre, wie das Blut in meine Wangen schießt. Na toll.
Er grinst und wirkt zufrieden. „Bekomme ich einen Kaffee?“, fragt er.
„Klar“
Ich bin froh, zum Tresen gehen zu können, um mich zu beruhigen. Ich hasse es, wenn ich rot werde. Was soll das überhaupt. Wie kann ich Jemanden vermissen, den ich überhaupt nicht kenne?

Die Geräusche vom Mahlwerk der Kaffeemaschine beruhigen mich und ich beschließe, mir auch eine Tasse Kaffee zuzubereiten. Ich habe ihn gar nicht gefragt, ob er wieder schwarzen Kaffee möchte…

~

„Bitteschön“, sage ich zehn Minuten später und stelle ihm die Tasse auf den Tisch. Meine eigene Tasse halte ich in den Händen. Ich mag es, wenn der heiße Kaffee meine Hände wärmt.
„Danke“, sagt er und starrt in die Tasse.
Wir schweigen.

„Meinst Du, dass es sich so anfühlt, wenn man in ein schwarzes Loch schaut?“, fragt er auf einmal, den Blick noch immer in seine Tasse gerichtet.
Was für eine seltsame Frage.
„So ähnlich, denke ich. Aber… größer?“
Er nickt zufrieden.
„Das würde ich mir gerne mal anschauen“, sagt er.
„Wirklich?“
„Warum nicht? Einmal ins Weltall… Wo liegt das Problem?“
„Es ist teuer, aufwendig und sehr unwahrscheinlich“, erwidere ich.
„Blödsinn. Wenn Du so denkst, dann wird das nichts.“
Er schüttelt den Kopf und erinnert mich an die Reaktion meiner Eltern auf schlechte Schulnoten.
„Dann mach doch“, sage ich und zucke mit den Schultern.
Er nickt und trinkt vorsichtig einen Schluck Kaffee.
„Warum kommst Du immer nachts?“, traue ich mich nun endlich zu fragen.
„Nun, das Gleiche könnte ich Dich fragen“, erwidert er und grinst.
Wo er recht hat…

~

Zurück am Tresen säubere ich die Kaffeemaschine und fülle neue Bohnen nach. Bevor der nächste Gast blöde Fragen stellt, habe ich den Mann alleine an seinem Platz gelassen. Die meisten Gäste kommen allein hierher. Am Tag ist es wahrscheinlich anders, da möchten die Menschen nicht alleine Kaffee trinken. Vielleicht schätzen sie diese Einsamkeit in der Nacht?

Ich denke etwas über den Mann nach. Er trägt Handschuhe, obwohl es im Café recht warm ist. Oder empfinde nur ich es als warm?
Ich trinke noch einen Schluck Kaffee, stelle die Tasse ab und laufe um die Palette herum zu seinem Tisch.
„Hi“, begrüßt er mich. Er trägt die Handschuhe noch immer.
„Sag mal, ist Dir kalt?“, frage ich.
„Äh“, erwidert er und hält einen Moment inne, als würde er über die Frage nachdenken. „Nein, wieso?“
Ich deute auf die Handschuhe.
„Du musst nicht höflich sein, ich kann die Heizung wärmer stellen“, biete ich an.
Er schüttelt den Kopf. „Nein, nein. Ich mag meine Handschuhe.“
Mit einem breiten Grinsen hebt er die rechte Hand. Auf seinen Handschuhen ist ein Pokéball.
„Hast Du eigentlich nichts zu tun?“, fragt er dann.

~

Ich bediene meine Stammgäste und die Nacht streicht an mir vorbei.
Seit unserem letzten Gespräch bin ich nicht wieder zum Tisch des blassen Mannes gegangen. Seine Frage war mir zu blöd. Ob ich nichts zu tun hätte. Pah! Ich arbeite in einem Café… In der Nachtschicht!
Ich schüttle den Kopf, weil ich immer wieder über den Satz nachdenken muss. Es ist mir zu blöd, ihn darauf anzusprechen. Soll er doch bleiben, wo der Pfeffer wächst.

Meine Stammgäste kommen und gehen und ansonsten passiert in dieser Nacht nichts Bemerkenswertes.
Ich habe wieder das Buch über Theatergeschichte dabei, obwohl ich normalerweise jede Nacht ein anderes Buch lese. Mir geht sein Kommentar zu einem Bild nicht aus dem Kopf. „Oh, das bin ja ich“, hat er gesagt und auf das Bild gezeigt. Das kann gar nicht sein… Aber je länger ich darüber nachdenke, desto mehr fallen mir Ähnlichkeiten auf.

„Ach, Blödsinn!“, sage ich leise und ermahne mich, nicht weiter darüber nachzudenken. Blöder Kopf, blöde Gedanken! Ich beschäftige mich, indem ich den Tresen putze und die Maschinen reinige. Das Glöckchen an der Tür klingelt, als ich gerade den Milchaufschäumer schrubbe. Ich hebe den Kopf und sehe nur noch den schwarzen Mantel des Mannes.
Entgegen meiner Erwartungen, fühle ich mich aber nicht besser. Wird Zeit, dass die Schicht endet.

Kategorien: Geschichten

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