Die dritte Nacht

Ich begrüße meinen ersten Stammkunden. Es ist der Mann mit dem Strohhut, der nur jeden zweiten Tag herkommt und das Wochenende auslässt. Es ist erstaunlich, wie viele Menschen eine immer gleiche Routine verfolgen. Würde ich meine Gäste darauf ansprechen, wären sie bestimmt sehr überrascht.

Im Café ist es ruhig. Ein englisches Lied aus meiner „Slow Folk“-Playlist läuft. Ich kenne es nicht, aber es zieht mich in seinen Bann. Die Musik verschlingt mich, weil ich mir den Text ganz genau anhöre. Das passiert mir sehr selten.
To be alone with you„, murmle ich leise, als ich den Titel auf meinem Handy nachschaue. Ein paar Benachrichtigungen blinken am Bildschirmrand auf. Ich schüttle den Kopf und stecke das Handy wieder in die Tasche. Die Errungenschaften der modernen Technik sind schön und gut, aber die digitale Vernetzung über Social Media reizt mich überhaupt nicht.

~

Ich werfe einen Blick auf die Uhr. Irgendwie vergeht die Zeit überhaupt nicht. Warum bin ich heute so aufgeregt? Ich schaffe es nicht, ruhig auf der Stelle zu stehen. Also stehe ich auf, sortiere ein paar Kassenzettel, räume das Lager auf und säubere die Kaffeemaschine. Wahrscheinlich bin ich der einzige Mensch auf dieser Welt, der die Kaffeemaschine zu oft sauber macht.

Die Stammgäste kommen und der Mann mit dem Cowboyhut verlässt das Café. Fremde Menschen bestellen Kaffees zum Mitnehmen. Ich trinke schon meine fünfte Tasse in dieser Nacht.
Die Musik verstummt und ein Blick auf mein Handy verrät mir, dass die Playlist schon durchgelaufen ist. Ich überprüfe die Details der Liste: 35 Lieder. Es sind zwei Stunden vergangen. Trotz der gewaltigen Menge an Koffein in meinem Blut muss ich gähnen. Ich halte mir die Hand vor den Mund. Heute gefällt es mir nicht, die Nachtschicht zu haben. Manchmal hat man solche Tage, oder?

Jedes Mal, wenn das Glöckchen der Tür klingelt, blicke ich auf. Mein Herzschlag beschleunigt sich für einen kurzen Moment. Warum?
Ich weiß nicht, was das soll. Erwarte ich Jemanden? Ja, eigentlich schon. Aber warum?

~

Das Glöckchen erklingt erneut. Ich hebe den Blick und erwarte, das bleiche Gesicht des fremden Mannes zu sehen, schaue stattdessen aber in das freundliche Gesicht von Anna, meiner Ablösung.
„Na los, ab nach Hause mit Dir“, sagt sie. Ich schaue sie an und seufze, obwohl ich es unterdrücken wollte. Sie soll nicht denken, dass ich enttäuscht bin, sie zu sehen.
„Was ist los?“, fragt sie. Ihre Augen versuchen, durch mich hindurch zu schauen.
„Ach, es ist nichts. Ich wünsche Dir eine ruhige Schicht“, sage ich, schnappe mir meine Tasche und verlasse das Café. Die Sonne leuchtet am Horizont und taucht die Welt in ihr blödes, oranges Licht. Was für ein blöder Tag.

Auf dem Weg zurück in meine viel zu kleine Wohnung kicke ich Steinchen vor mir her. Was, wenn er in Annas Schicht kommt? Würde ich ihn dann verpassen?
Ich schüttle den Kopf und verfluche mich für diese Gedanken.
Warum vermisse ich jetzt etwas, was ich nicht einmal kenne? Vor drei Tagen ging es mir doch noch so gut mit dem Leben, das ich führe. So ein Blödsinn! Ich muss mich zusammenreißen!

Kategorien: Geschichten

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