Die zweite Nacht

Das Café ist noch menschenleer, meine Nachtschicht hat gerade erst begonnen. In den letzten Stunden während Marys Schicht ist meistens nicht mehr viel los.
Erst, wenn die Nacht hereinbricht, kommen meine Stammkunden ins Café.

Ich fülle die Kaffeebohnen nach und räume das Lager auf. Es ist immer gut, vorbereitet zu sein. Mein Blick fällt auf die Spardose in Kaffeebohnen-Form und erinnern mich an diesen seltsamen Mann. Ich habe die Chance verpasst, mit ihm zu sprechen. Manchmal würde ich mich gerne mehr trauen. „Beim nächsten Mal“, denke ich immer. Aber was, wenn es kein nächstes Mal gibt?
Ich seufze und denke über dieses Sprichwort nach, demzufolge man sich im Leben immer zweimal sieht. So ein Blödsinn!
Kopfschüttelnd trinke ich einen Schluck Kaffee. In einem Café zu arbeiten hat seine Vorzüge, wenn man Kaffee mag.

~

Nach etwa einer Stunde betritt mein erster Stammkunde das Café. Er kommt stets um 22 Uhr, bestellt erst einen Espresso und später einen Mocha. Am Wochenende nimmt er auch gerne einen Irish Coffee, aber nicht immer.

Im Café läuft ruhige Irish Folk Musik. Ich wechsel das Genre regelmäßig, um die Kunden nicht zu langweilen.

Während der Mann am Tresen steht, bereite ich ihm seinen Espresso zu. Er bedankt sich und setzt sich an einen Tisch am Fenster. Jeden Tag verändert er den Platz, bleibt aber immer in direkter Nähe zum Fenster. In der Mitte des Cafés habe ich ihn bisher noch nicht sitzen sehen.

Das Glöckchen an der Tür erklingt. Ich werfe einen Blick zur Wanduhr. Es ist eine untypische Uhrzeit für meine Stammkunden, also muss es jemand anderes sein. Ich schaue zur Tür. Schwarze Kleidung, ein Filzhut und blasse Haut. Das muss er sein.
Ich habe nicht damit gerechnet, ihn nochmal wiederzusehen.

~

„Schwarzer Kaffee?“, rate ich, als der Mann am Tresen steht.
„Nein“, erwidert er. Ich schaue ihn mit großen Augen an.
„War ein Scherz.“ Manchmal rollt er das ‚r‘.
„War nicht witzig“, sage ich.
Der Mann grinst. Ich hätte nicht gedacht, dass er grinsen kann, weil er so ernst aussieht.

„Ja, einen schwarzen Kaffee, bitte“, sagt er und kehrt zum eigentlichen Thema zurück.
Ich erwidere sein Grinsen und frage: „Diesmal passend?“
„Hm, keine Lust auf Trinkgeld?“, fragt er und wedelt mit der Hand, „Was ist Geld schon wert?“
Interessante Einstellung.
Ich zucke mit den Schultern. „Ich studiere, für mich bedeutet Geld die Welt.“
„Warum hast du dann ein Problem mit Trinkgeld?“
Was führen wir hier eigentlich für eine seltsame Diskussion?
„Na schön“, sage ich und bin überrascht, dass wir schon beim ‚Du‘ angekommen sind.
„Bekomm‘ ich jetzt meinen Kaffee oder möchtest du noch weiter quatschen?“
Ohne ihm zu antworten drehe ich mich um und bereite den Kaffee zu. Wie konnte ich nur im Gespräch meinen Job vergessen? Das sieht mir gar nicht ähnlich.

~

„Schöner Laden“, ruft der Mann und übertönt die Geräusche des Mahlwerks. „Wahrscheinlich komme ich jetzt öfter vorbei!“
Komisch, gestern habe ich den Mann noch für still und geheimnisvoll gehalten. Wie sehr man sich in einem Menschen täuschen kann…
„Ja“, sage ich und stelle ihm die Tasse hin.
Er zahlt mit einem 5-Euro-Schein und grinst mich an: „Danke.“
Ohne ein weiteres Wort zu verlieren, verschwindet er wieder hinter ein paar Paletten. Schade, ich mochte das Gespräch irgendwie.

Während sich das Café mit weiteren Kunden füllt, beobachte ich die Holzpaletten, hinter denen der Mann vermutlich immer noch sitzt.
Ich serviere einen Nuss Macchiato und einen Irish Coffee. Es passiert nichts außergewöhnliches und außer den Stammkunden kommt kein neuer Kunde.
In der Nacht ist das normal.

Ich reinige die Maschinen und lese ein Buch über Theatergeschichte. Keine Ahnung, warum es heute genau dieses Thema ist. Natürlich könnte ich auch für mein Studium lernen, aber um ehrlich zu sein, habe ich darauf keine Lust.

~

Nach einer weiteren Stunde – es ist nun schon 1 Uhr – steht der Mann auf einmal wieder am Tresen.
„Hi“, sagt er. Seine Stimme klingt tief.
Ich blicke vom Buch auf und schaue den Mann mit großen Augen an.
„Noch eine Tasse?“, frage ich und deute auf die Kaffeemaschine hinter mir.
„Hey, was liest du?“
Er geht überhaupt nicht auf meine Frage ein.
„Äh“, gebe ich von mir und weiß keine Antwort. Warum möchte er das wissen?
„Klingt nach einem interessanten Buch“, erwidert er und grinst schon wieder so bescheuert.
„Theatergeschichte“, erkläre ich und deute auf das Buch, auf dessen Cover groß der Titel prangt.
„Aha“, sagt er nur. Er starrt das Buch an.

„Also… Noch eine Tasse Kaffee?“, will ich wissen, weil er mir die Frage noch nicht beantwortet hat.
„Nein, danke“, sagt er und überrascht mich damit schon zum dritten Mal in dieser Nacht.
„Zeig mal“, sagt er und zieht das Buch zu sich. Ich lasse ihn gewähren und beobachte seinen Gesichtsausdruck.
„Oh, das bin ja ich“, sage er und lächelt.
Ich starre ihn an. Was redet er für wirres Zeug?
„Hä?“
„Ach, weißt du… Theater hat mir schon immer gefallen.“
„Du bist lustig“, sage ich und ziehe ihm das Buch aus der Hand. „Dann bin ich da“, sage ich und deute auf eine weitere Person auf dem Bild. Der Mann grinst nicht. Warum findet er das nun nicht mehr lustig?
„Ich gehe jetzt“, sagt er und verlässt das Café ohne ein weiteres Wort. Ich schaue ihm lange nach.

~

Erst, als mich das Räuspern einer Stammkundin erschreckt, wende ich den Blick von der Tür ab. „Noch einen Irish Coffee, bitte“, sagt sie. Ist es schon 2 Uhr? Ein Blick zur Wanduhr bestätigt meine Vermutung. Wo ist die Zeit geblieben?
„Klar, sehr gerne“, sage ich und drehe mich zur Kaffeemaschine.
„Abgelenkt?“, fragt sie. Ihre Stimme klingt, als würde sie grinse.
„Äh, ja“, sage ich und drücke auf den Knopf der Maschine, damit die Lautstärke des Mahlwerks das Gespräch unterbricht. Es ist mir unangenehm.

Ich stelle der Frau die Tasse auf den Tresen und verlasse meinen Posten, um den Tisch des Mannes abzuräumen.
Als ich seine Tasse nehme, wundere ich mich über die roten Ränder am Tassenrand. Es wirkt so, als hätte er Lippenstift getragen, dabei war sein Gesicht doch blass und wirkte beinahe anämisch…
Zahlreiche Krankenhaus-Serien fluten meine Vorstellung. Hat der Eisenmangel, Blutkrebs oder einen Virus? Ich schüttle den Kopf. Nein, ich habe wohl einfach nur zu viele Serien geschaut…

Kategorien: Geschichten

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