Die erste Begegnung

„Einen Nuss Macchiato to-go, bitte“
„Sehr gern“
Ich schaue die junge Frau einen Augenblick lang an, dann drehe ich mich um und bereite ihr das gewünschte Heißgetränk zu.

Seit es Kaffee-Getränke in allen Formen und Farben gibt, ist die Nachfrage nach einem einfachen, schwarzen Kaffee stark zurückgegangen. Die meisten Kunden bestellen irgendeine hippe Geschmacksrichtung, die wir mit Hilfe von zahlreichen Sirups herstellen.

Ich vermute, dass die meisten Kunden dieses Cafés keinen richtigen Kaffee haben möchten, sondern einfach nur irgendetwas zuckriges. Wer kann es ihnen auch schon verübeln? In der heutigen Welt wird der Zucker zur Sucht und ist für viele die einzige Freude im Leben.

Mich nerven meine trüben Gedanken. Warum sollte es mich kümmern? Es ist doch wichtig, was ich aus meinem Leben mache und nicht, woran die anderen scheitern.

Die Kaffeemaschine rattert, weil sie die Kaffeebohnen frisch mahlt. Was für eine Verschwendung. Frisch gemahlener Kaffee schmeckt gut, wenn man ihn schwarz trinkt. Diese Verunreinigung durch Zucker, Milch und Sirup ist wirklich bedauerlich.
Aber egal, es ist ihr Geld und ihr Körper. Ich habe damit nichts zu tun, solange sie mich für ihr Getränk bezahlt.

Ich bringe ihr also den Pappbecher. Immerhin kein Plastik mehr. Gegen diese elenden Plastikdeckel habe ich mich gewehrt. Wenn die Kunden zu meiner Nachtschicht ins Café kommen, dann gibt es keine Plastikdeckel.

„Danke“, sagt sie, nimmt den Becher in eine Hand und legt mit der anderen ein paar Münzen auf den Tresen. Ich bin etwas überrascht, dass sie nicht mit Karte zahlt. In der heutigen Welt ist Bargeld eine Seltenheit.
Ich sortiere die Münzen in die Kasse. Die junge Frau verlässt den Laden.
Ein paar meiner Stammkunden blicken ihr nach. Die Männer finden sie sicherlich attraktiv.

~

Ich lasse meinen Blick schweifen. In der Nacht kommen fast immer die gleichen Kunden hierher. Am Fenster sitzt die Frau, die sich stets einen Irish Coffee bestellt. Zeichnen scheint ein großes Hobby von ihr zu sein. Vielleicht macht sie es auch beruflich. Ich spreche nicht oft mit den Kunden.
Ein anderer Mann ist jeden zweiten Tag der Woche hier. Dienstage und Donnerstage lässt er aus. Ich frage mich manchmal, ob er an diesen Tagen ein anderes Café besucht. Am Wochenende ist er überhaupt nicht da. Er trägt einen Hut aus Stroh und manchmal erinnert er mich an einen Cowboy.

Die Nachtschichten im Café sichern mir mein Einkommen im Studium. Tagsüber bin ich in der Uni und in der Nacht arbeite ich hier. Ich spare Heizkosten meiner Wohnung, weil ich nur zum Duschen und Schlafen dort bin. Das Café ist zu einem zweiten Zuhause für mich geworden.

Als mir der Job angeboten wurde, hatte ich Zweifel. Ich konnte mir nicht vorstellen, dass Menschen mitten in der Nacht ein Café besuchen würden.
Nach nur drei Wochen wurde mir klar, dass der Bedarf definitiv da ist.
Nachts herrscht eine familiäre Atmosphäre. Wir wissen nichts voneinander und doch gehören wir zusammen. Ich mag das Gefühl. Es ist anders als tagsüber. Cafés bei Nacht sind wunderbar.

~

Das Glöckchen an der Tür erklingt. Ein Kunde kommt herein und läuft schnurstracks zum Tresen. Er kommt mir nicht bekannt vor. Der schwarze Filzhut auf seinem Kopf verleiht ihm einen sonderbaren Anblick. Filzhüte sind noch seltener als Bargeld.

„Guten Abend, was kann ich für Sie tun?“, frage ich höflich. Der Mann schaut mich direkt an. Seine Haut wirkt sehr blass, noch blasser als meine.
„Einen schwarzen Kaffee, bitte.“
„Schwarz?“
„Schwarz.“
„Ohne Zucker, ohne Milch?“
„Das ist doch, was einen schwarzen Kaffee ausmacht, oder?“
Ich nicke.
„Tut mir leid. Während meinen Nachtschichten hat lange keiner mehr einen schwarzen Kaffee bestellt“, erkläre ich, obwohl er nicht gefragt hat. Komisch, dass ich die Unterhaltung mit ihm suche.

Ich drehe mich zur Kaffeemaschine um. „Zum Mitnehmen?“, frage ich, ohne mich umzudrehen.
„Nein“, sagt er. Auch das überrascht mich. Ich bin mir sicher, diesen jungen Mann hier noch nie gesehen zu haben. In der Nacht setzen sich normalerweise nur ein paar wenige Stammkunden ins Café.

Ich stelle eine Keramiktasse unter die Kaffeemaschine. Das Geräusch des Mahlwerks stimmt mich fröhlich. Dieser Mann kann in den vollen Genuss dieser großartigen Kaffeebohnen kommen.

Ich schiebe dem Mann die Tasse auf den Tresen. „Danke“, sagt er und legt einen 5-Euro-Schein daneben. Mit der Tasse verschwindet er in einer Ecke des Cafés, ohne sich sein Wechselgeld geben zu lassen. „Entschuldigung?“, rufe ich ihm nach, aber er reagiert nicht auf mich. Ist das etwa sein Trinkgeld? Eine Tasse schwarzen Kaffees kostet nur einen Euro.

~

Das Café ist verwinkelt, alte Paletten und Holzkisten grenzen die Sitzbereiche voneinander ab. Mir gefällt der rustikale Stil eigentlich, aber jetzt würde ich gerne hinter die Paletten schauen, um diesen seltsamen Mann zu beobachten.

Ich nehme vier Euro aus der Kasse und lege den fünf-Euro-Schein hinein. Mit den Münzen in der Hand schaue ich mein Sparschwein an, das die Form einer Kaffeebohne hat. Es ist sehr klischeehaft, passt aber zu mir.

Ich wiege die Münzen in der Hand. Soll ich zu ihm gehen, um ihm sein Wechselgeld zu geben? Immerhin kämen wir vielleicht ins Gespräch. Ich mag kein Smalltalk, erhoffe mir von diesem Mann aber tiefsinniger Konversationen.
„Nein“, sage ich leise zu mir selbst, schüttle den Kopf und werfe eine Münze nach der anderen in die Spardose.

Ich säubere die Kaffeemaschine, fülle ein paar Kaffeebohnen auf und versuche mich abzulenken. So ein seltsamer Mann. Während ich die Spülmaschine mit dreckigem Geschirr fülle, erklingt das Windspiel der Tür. Ich hebe den Kopf und sehe nur noch den wehenden Mantel des Mannes. Die Chance, mit ihm zu reden, habe ich wohl verpasst.

Kategorien: Geschichten

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